Katrin Raabe
Webdesign & Fotografie

katrin mit nikonIst die Fotografie eine Männerdomäne? Die Zahlen sagen: Nein.
Mein subjektiver Eindruck ist ein anderer ...

Seit einiger Zeit bekomme ich auf Facebook regelmäßig ein Werbevideo in meine Timeline gespült. Beworben wird dort ein (wirklich cooles) Kamera-Aufstecklicht. Im Video sieht man einen Fotografen, der auf einem nebeligem Feld ein weibliches Modell fotografiert.

Die Produktdemonstration hat mich durchaus überzeugt. Die Aufmachung des Videos hat mich dagegen verärgert. 

 

Auch in der Fotografie: Sex sells

Zu oft schon habe ich in der Werbung und auf Fotomessen genau diese Bilder gesehen: Männlicher Fotograf fotografiert junges, weibliches Model, das mit halb geöffnetem Mund irgendwie lasziv in die Kamera schmachtet.

Ich habe nichts gegen gut gemachte erotische Fotos. Aber diese gehören meiner Ansicht nach ins Schlafzimmer oder in Kunstgalerien. In der Werbung stoßen sie mich ab.


Vielleicht fände ich es lustig, wenn sich auch mal ein knackiger junger Mann vor der Kamera räkeln würde, aber eigentlich würden mir Produktdemonstrationen ohne dieses Sex-Sells-Gedöns am besten gefallen.


Konzipiert wird diese Werbung anscheinend vor allem für Männer und hier frage ich mich: Warum eigentlich?

 

Fotografieren vor allem Männer?

Die Fotografin Katja Kemnitz hat einen sehr interessanten Blogbeitrag zum Thema "Frauen und Fotografie" geschrieben. Nach ihren Recherchen liegt der Frauenanteil in der Fotografie-Ausbildung bei etwa 65%, an Hochschulen bei über 50%.

Laut ihrer Recherche sind aber nur 10 % der Agenturfotograf*innen weiblich. Die in Ausstellungen gezeigten Arbeiten stammen nur zu etwa 25% von Frauen und männliche Kollegen verdienen im Schnitt 31 % mehr.

Meine eigenen Eindrücke decken sich mit ihren Zahlen.

In der Fotozeitschrift "c't Fotografie" werden viele Fachartikel von Frauen geschrieben. Die Rubrik "Portfolio", in der einzelne Künstler*innen vorgestellt werden, ist aber wiederum sehr männlich dominiert: Im Jahre 2020 lag der Männer/Frauen-Anteil bei 5/1. In den vier Heften, die bis Juli 2021 erschienen sind, werden ebenfalls nur männliche Fotografen präsentiert.

Auch die Fotomesse Photokina, die ich über viele Jahre besucht habe, habe ich als sehr männlich in Erinnerung. Insbesondere bei den Life-Shootings waren - nach meiner natürlich subjektiven Erinnerung - fast ausschließlich männliche Fotografen und  weibliche Models am Start.

Bücher zum Thema "Porträtfotografie" bilden zum größen Teil Frauen auf dem Cover ab. In Fotomagazinen finden wir Artikel zum Thema "Emotionale Porträts" (in denen natürlich nur Frauen abgebildet werden) und "Markante Männerporträts", auf denen Männer stolz ihre Falten präsentieren.

In der Lehre sieht es ähnlich aus: Auf Youtube erfreuen sich die Videos von Benjamin Jaworskyj, Stefan Wiesner und Pavel Kaplun großer Beliebtheit. Zu Recht natürlich. Die Videos sind toll und gut gemacht.

Aber auch hier frage ich mich, warum es keine Frauen mit ähnlichem Erfolg gibt. Machen Frauen keine Videos zum Thema?

Oder werden Frauen in der Fotografie weniger wahrgenommen?

Vielleicht sogar weniger ernst genommen?


Ich selbst mache diese Erfahrung leider immer wieder - und immer noch.

Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Schulfotokurs in den 80ern, in dem meine Mitschüler nicht müde wurden, mir immer wieder zu signalisieren, dass ich als Mädchen ohnehin keine Ahnung hätte. Das begann schon am ersten Tag, als sich meine Mitschüler  über meine alte Kamera lustig machten: Eine Spiegelreflexkamera von Zeiss-Ikon, für die man in den 60er Jahren zwei Monatsgehälter hinblättern musste.
Die dummen Sprüche hörten erst auf als unser Kunstlehrer die Kamera entdeckte und völlig hingerissen war ...

Zu recht, wie ich finde ... :-)

 

Mittlerweile gebe ich selbst Fotokurse und erlebe selbst dort gelegentliche Dispute mit Teilnehmern, die mir absolutes Grundwissen nicht glauben wollen, weil irgendein Kumpel was anderes gesagt hat.

Sehr lustig finde ich auch Männer, die mir beim Fotografieren "helfen" wollen. Ich fotografiere zum Beispiel sehr gerne im Gegenlicht und habe es schon mehrere male erlebt, dass mir wildfremde Männer erklären wollten, dass das "so nichts wird". Würde man einen männlichen Fotografen mit professioneller Kamera ebenso anquatschen?

Während die dicke Kamera bei Männern ein absolutes Statussymbol zu sein scheint, wird sie bei mir gerne übersehen.

Als ich mich mit einem Kameraproblem an ein Fachgeschäft wandte, konnte ich den freundlichen Verkäufer gerade noch davon abhalten, die Kamera ohne Rücksprache auf Werkseinstellungen zurück zu setzen. Ein Fachverkäufer sollte wissen, dass eine professionelle Kamera individuell konfiguriert werden kann. Ein Zurücksetzen hätte sämtliche Einstellungen gelöscht. War er einfach unaufmerksam oder kam er gar nicht auf die Idee, dass ich als Frau das Potential meiner Kamera ausschöpfe?

Selbst Männer, die vermeintlich sich für meine Arbeit interessieren, wollen in der Regel zeigen, dass sie sich mit dem Thema gut auskennen. Sie fragen mich, wie viel Megapixel meine Kamera oder welche Brennweite meine Objekte haben. Oft verbunden mit Hinweisen auf die eigene Ausrüstung, die manchmal deutlich besser und teurer als mein eigenes Equipment ist. Diese Art von Contest, wer das längste Objektiv oder die teuerste Kamera hat, habe ich mit Frauen noch nie erlebt.

Mein Fazit

Genau wie in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen würde ich mir wünschen, dass wir uns von Stereotypen und Klischees verabschieden und dass Frauen in der Fotografie genauso wahr- und ernstgenommen werden wie ihre männlichen Kollegen.  Ebenso würde ich mir wünschen, dass mehr Frauen in die Agenturfotografie vordringen und dort ihre eigene Bildsprache entwickeln - fern von lasziven Models und hin zu einer selbstbewussten weiblichen Fotografie.