Katrin Raabe
Webdesign & Fotografie

facebook loeschenIch bekenne: Ich gehöre zu den Menschen, die sich viel und gerne in Sozialen Medien aufhalten. Damit ist jetzt erst einmal Schluss.

Lesezeit: ca. 5 Minuten

Ich habe früher nie verstanden, warum Menschen Facebook ablehnen, weil dort angeblich "nur Blödsinn" geteilt wird. Ich kann meine Timeline ja selbst gestalten. Zu meinem Facebook-Freundeskreis gehören (fast) nur Leute, die ich auch im "echten" Leben kenne. Menschen, die "Blödsinn" teilen, kann ich stummschalten oder "entfreunden".

Ich bin auf Facebook in zahlreichen Gruppen, die zu meinen Interessen passen. Darunter eine hervorragend moderierte Göttingengruppe. In anderen Gruppen geht es um Fotografie, Bildbearbeitung, Handarbeiten oder Upcycling. Ich habe die Facebookseiten diverser Nachrichtenportale und Tageszeitungen abonniert. Für den Schmunzelfaktor habe ich auch ein "Like" beim Postillon gelassen, der Nerd in mir findet die passenden Infos bei Heise.

Viele Jahre lange bekam ich jeden Tag eine recht ausgewogene Mischung von Posts in meine Timeline gespült. Ich bekam Neuigkeiten von Freund:innen, die mir ansonsten entgehen würden und blieb auch mit Menschen im Ausland in Kontakt. Ich bekam wichtige Nachrichten über Facebook mit und musste nicht jede Nachrichtenseite einzeln aufrufen. Natürlich postete ich ab und zu auch selbst etwas und freute mich über Likes und Kommentare. So weit so gut.

Seit einigen Monaten habe ich aber das Gefühl, dass meine "heile" Facebookbubble zunehmend ins Wanken gerät. Die Nutzung von Facebook macht mir keinen Spaß mehr, sondern führt zu latent schlechter Laune.

Das hat folgende Gründe:

Der Facebook-Algorithmus ist seltsam: Viel Werbung, wenig Privates

Schon länger frage ich mich, ob der Facebook-Algorithmus eigentlich noch alle Tassen im Schrank hat. Wir alle wissen, dass Meta keine gemeinnützige Organisation ist und dass der Preis für die Sozialen Medien unsere Daten sind. Wir nehmen in Kauf, dass unser Nutzungsverhalten analysiert und uns entsprechende personalisierte Werbung in die Timeline gespült wird.

Ich könnte damit leben, wenn das Verhältnis stimmen würde. Seit einiger Zeit stimmt es aber gar nicht mehr. Vor einigen Wochen habe ich einmal durchgezählt, wie viele Beiträge mir angezeigt werden bis ich zum ersten Post eines Facebookfreundes komme. Das Ergebnis sah so aus:

  • 10 Posts von Seiten, die mir gefallen
  • 6 Posts aus Gruppen, die ich abonniert habe
  • 11 Werbeposts
  • 4 Posts von Seiten, die mir "vorgeschlagen" werden, also ebenfalls Werbung sind.

Zusammengezählt also 31 Posts bis zum ersten Post eines Freundes und davon etwa 50% Werbung.

Der Feed meiner beruflichen Facebookseite ist noch schlimmer:
Dort bekam ich heute 29 "Vorschläge" und gerade mal 15 Posts von Seiten, die ich abonniert habe!
Das ist nicht mehr witzig.

Warum zeigt Facebook mir so komische Werbung an?

Dazu kommt: Facebook hat sehr eigenartige Vorstellungen, welche Art von Werbung mir gefallen könnte. Aus irgendeinem mir unerfindlichen Grund hält Facebook mich für eine junge Mutter und zeigt mir unentwegt Werbung für Babysachen und Erziehungstipps für Kleinkinder an. Werbung für Treppenlifte würde mich natürlich auch ärgern, aber Babysachen? Sehr merkwürdig.

Dazu kommen haufenweise Inhalte, die mich wirklich gar nicht interessieren und die ich niemals liken würde:

  • Lustige Sprüche -  och nö.
  • Kindheit ohne Handy - irgendwie schräg. Da posten Leute mit ihrem Handy, wie toll es früher ohne Handy war ...
  • Duisburger Nachrichten - ich war noch niemals in Duisburg.
  • Schalke 04 - ich hasse Fußball.
  • usw. usf.

Thank you very much.

Meine verzweifelten Versuche, diese Art von Werbung als "irrelevant" zu markieren, funktionieren leider auch nicht. Ich habe es mittlerweile aufgegeben.

Facebook-Inhalte ändern sich: Künstliche Intelligenz, Bots, Clickbaiting ...

Auch viele Facebookgruppen haben sich für meinen Geschmack nicht gerade zum Positiven verändert. In Fotogruppen werden fröhlich und unkritisch KI-Bilder geteilt. Höfliche Hinweise, dass es für solche Bilder eigene Gruppen gibt, führen zu nervigen Diskussionen. In anderen Foto-Gruppen ist es üblich, fremde Bilder zu bearbeiten und dann zu veröffentlichen. Oder sie gleich ganz zu klauen.

In Handarbeitsgruppen fallen mir immer wieder Posts auf, die anscheinend von Bots oder Fakeaccounts geteilt werden und deren einziger Sinn es zu sein scheint, Leute auf bestimmte Webseiten zu locken. Obgleich in diesen Gruppen eigentlich die Regel gilt, nur eigene Werke zu präsentieren, scheint sich niemand an diesem Clickbaiting zu stören. Stattdessen bekommen die Fakeprofile (die auch niemals auf Nachfragen antworten) für ihre seltsamen Posts auch noch begeisterte Kommentare. Auch in Handarbeitsgruppen sehe ich regelmäßig KI-generierte Bilder, die zum Beispiel lebensgroße Elefanten oder Nashörner zeigen, die angeblich gehäkelt wurden. Erschreckend viele Userinnen fallen auf diese Bilder rein und liken und teilen sie.

Hass, Hetze, Fakenews und Lachsmileys

Dass Soziale Medien ein Tummelplatz für Hass und Hetze sind, wissen wir alle. Lange Zeit ist es mir aber geglückt, mir meine eigene "Bubble" zu erhalten. Mittlerweile klappt das aber nicht mehr und das ist dem Überhandwerden von Bots und Hatern geschuldet.

Denn die Hater sind einfach überall. Als erstes habe ich die Facebookseite der Tagesschau deabonniert. Nicht, weil mir das Nachrichtenformat nicht gefällt, sondern weil ich es nicht mehr ertrage, dass unter jedem Beitrag Hunderte von Lach-Smileys zu sehen sind. Klimawandel? Tote im Mittelmeer? Hunderte, manchmal Tausende von Profilen finden das total lustig. Ich finde das so unfassbar gruselig, dass ich es nicht ignorieren oder ausblenden kann.

Das gleiche gilt für Kommentare: Eigentlich lese ich gerne Kommentare. Gelegentlich finde ich es sogar unterhaltsam, wie sehr sich Menschen über vegane Ernährung oder Gendersprache aufregen können. Das Problem ist allerdings: Man kann eigentlich gar keine Kommentare mehr lesen, weil jede Diskussion von Hatern zerlegt wird.

Und leider wird dieses Verhalten von vielen Facebookseiten toleriert: Anstatt die Kommentar­spalte zu moderieren und nach einer gewissen Zeit zu deaktivieren, lassen viele Portale die Hasskampagnen einfach "laufen". Frei nach dem Motto: "Kommentare bringen Reichweite".

Beispiel: Der Facebookauftritt von Utopia

Ganz extrem fiel mir das auf der Facebookseite von Utopia auf. Utopia ist ein Portal, das sich für Nachhalti­gkeit einsetzt und interessante Beiträge zum Umweltschutz im Alltag postet. Viele Menschen scheint das wütend zu machen. Völlig harmlose Posts zum Thema Veganismus werden immer und immer wieder mit Hass­kommentaren und Beleidigungen geflutet. Berichte über vegane Weißwurst oder eine vegane Bedientheke führen zu regelrechten Shitstorms.

Die Frage nach veganen Rezeptideen für das Silvesterbuffet wurde voller Hass und Häme mit Tausenden von Kotzsmileys, Fleischbildern und Beleidigungen beantwortet. Der Post war damit nach kurzer Zeit für Interessierte wertlos, da man die ernst gemeinten Tipps zwischen den Hasskommentaren nicht mehr finden konnte.

Ich habe die Redaktion von Utopia mehrere male angeschrieben und um Moderation gebeten. Die Antwort: Ich könne beleidigende Kommentare ja einfach bei Facebook melden. Total witzig. Dass Facebook gegen Hass­kommentare nicht vorgeht, ist allgemein bekannt.

Ansonsten wurde mit zeitlichen Ressourcen argumentiert. Warum man die Kommentar­funktion nicht nach einer Weile schließt? Keine Ahnung. Anscheinend möchte man die Reichweite nutzen, auch wenn man damit vor allem Hass und Hetze eine Plattform bietet.

Ich selbst habe nach und nach immer mehr Seite deabonniert, weil ich genau diesen Mist nicht mehr aushalte.

Last but not least:

Der Umgangston auf Facebook ist absolut unterirdisch

Es mag sein, dass ich einfach zu empfindlich bin, aber ich komme mit dem allgemeinen Tonfall auf Facebook nicht mehr klar.

Selbst Menschen, die sich eigentlich für eine gerechte und soziale Welt einsetzen, scheinen Häme und Beleidigungen völlig normal zu finden. Natürlich ist es lustig und unterhaltsam, bestimmte Personen­gruppen am rechten Rand gelegentlich auf's Korn zu nehmen. Anders hält man vieles ja auch nicht aus. Ich merke aber, dass ich auf Dauer keine Lust auf Häme habe.

Diskussion auf Facebook werden teilweise so abfällig und aggressiv geführt, dass ich mich frage, ob die Menschen im echten Leben auch so drauf sind.

Zuhören? Fehlanzeige.
Sachliche, vielleicht sogar empathische Kommunikation? Fehlanzeige.

Ich habe überhaupt kein Problem mit kontroversen Diskussionen. Was mich erschreckt: Wie selbstverständlich ganz normale, erwachsene Menschen mit Beleidigungen um sich werfen. Selbst inhaltlich gute Kommentare müssen dann auf Biegen und Brechen mit einem "Sinnerfassendes Lesen ist jetzt nicht so deins, oder?" garniert werden. Ich frage mich: Warum? Warum schreibt man nicht einfach: "Ich glaube, du hast mich missverstanden."?

Der Tropfen, der für mich gestern das Fass zum Überlaufen brachte, war eine Dame, mit der ich eigentlich recht sachlich über ein eher unspannendes Thema diskutiert habe. Da irgendwann klar war, dass wir nicht zusammenkommen, schlug ich vor, die Diskussion zu beenden und wünschte noch einen schönen Abend. Für mich völlig überraschend holte die Dame noch mal richtig aus: Was ich eigentlich für Komplexe hätte, dass ich so hartnäckig immer weiter diskutieren würde, ich hätte wohl nix zu tun, sei eine totale Klug­scheißerin ...

Ich weiß: Andere Menschen werden viel heftiger beleidigt. Für mich war das trotzdem too much. Ich bemühe mich immer sehr um eine sachliche, konstruktive Diskussion und habe auf solche Ausfälle einfach keine Lust.

Der Kommentar war für mich der Anlass, die App zu deinstallieren. Zack weg.


Digital Detox

nennt man das dann wohl. :-)

Facebook ist damit nicht weg, sondern nur woanders.

Ich werde weiterhin auf Facebook sein (muss ich auch, weil ich beruflich mehrere Accounts pflege), aber nur noch gezielt und über meinen PC.
Das ständige "mal-kurz-auf's-Handy-Gucken" fällt weg und das ist auch gut so.

Wahrscheinlich spare ich auf diese Weise auch unfassbar viel Zeit.

Ich bin gespannt!

Monster reading a book